Lasst uns handeln!

Eugen Brand

Traduction de Yolanda Cadisch, Isabelle Hitz, Martina Landis et Clea Stampfli

Traduit de :
Mobilisons-nous !

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Référence électronique

Eugen Brand, « Lasst uns handeln! », Revue Quart Monde [En ligne], 211 | 2009/3, mis en ligne le 01 mars 2010, consulté le 24 octobre 2020. URL : https://www.revue-quartmonde.org/8379

Letzten Juni ergab sich für mich das erste Mal seit langem die Gelegenheit, eine Woche in der Schweiz zu verbringen, um mit Mitgliedern unserer Bewegung aus meinem Land sowie einigen Politikern zu reden. Ich war ergriffen, als ich vor dem Basler Rathaus stand, um den Stadtpräsidenten zu treffen. Damals, als junger Volontär der Bewegung ATD Vierte Welt, hatte man mich nach Basel geschickt, um in einer Notsiedlung eine Begegnungsstätte und einen Ort des Wissensaustausches, ein Kinderkulturzentrum zu gründen. Das Rathaus-Gebäude ist beeindruckend: ein ziegelrotes Bauwerk, das mit prachtvollen Fresken dekoriert ist und an dessen Wänden man Inschriften in altem Deutsch findet. Als ich meinen Blick genauer über die Mauern wandern liess, entdeckte ich verblüfft einen Satz, der etwa so lautet: „Die Armen können nicht mit ihrem Geld umgehen. Pass auf dich auf, sonst werden sie dich verzehren, dich und dein Geld“.

Vor dreissig Jahren schritt ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch über die Schwelle dieses Rathauses und befürchtete, dass dies das letzte Mal sein würde, da wir mit der Regierung der Stadt wegen einer Streitigkeit uneins waren. Das Kinderkulturzentrum mit seiner Bibliothek, seinen Mal-, Kunst- und Poesie-Werkstätten, das am Rande der Notsiedlung stand, wurde auch von den Kindern der Gemeindewohnungen auf der anderen Strassenseite besucht. Es war wie eine Brücke zwischen zwei Gemeinschaften, die kaum je zusammenkamen, obwohl beide mit voller Wucht von der sozialen Ausgrenzung betroffen waren. Die behördlichen Vorschriften von damals verboten uns aber strikt, Beziehungen zu den Familien der anderen Strassenseite zu unterhalten.

Als ich heute den Stadtpräsidenten traf, der als Medizinstudent bei den Strassenbibliotheken mitgemacht hatte, liess er mich an seiner Freude teilhaben, dass sich die Subventionen der Stadt zu einer Dauerunterstützung unserer Bewegung entwickelt haben. Eine Bewegung, die in ihrem beharrlichen Einsatz, die Ausgeschlossenen zu erreichen, immer wieder über die behördlichen Schranken hinausgeht. Es geht nicht mehr so sehr darum, ein Projekt zu unterstützen, das auf ein Quartier beschränkt ist, sondern eine wahre Aktionsdynamik voranzutreiben, die jene Menschen zusammenführen möchte, die heute noch auf alle Kontakte zu anderen Bewohnern der Stadt verzichten müssen. Er teilte mir auch mit, wie sehr ihn als Stadtpräsident und Arzt die Tatsache betroffen mache, dass von 30 Kindern, die zur Eröffnung des Kinderkulturzentrums beigetragen hatten, heute acht wegen der Armut gestorben sind. Und er schlug vor, dass sich das Rathaus am 17. Oktober 2009 für ein Zusammentreffen aller Bürger öffnen sollte. Für einen kurzen Augenblick begann ich zu träumen: Was, wenn dieser Tag der Anlass wäre, um in die Mauern Wörter einzugravieren, welche die Geschichte korrigieren und die gleiche Würde aller bekräftigen würden?

Während der Stadtpräsident sprach, erinnerte ich mich an Frau Balmer, die ich am Vortag besucht hatte. Ihr Mann war gestorben. Wir haben lange über ihre Söhne Markus und Thomas geredet. Als ich vor dreissig Jahren in diese Basler Notsiedlung kam, war Markus das erste Kind, das ich traf. Als er mich kommen sah, hat er mich angesprochen: „Was machst du hier?“ Während ich noch nach Worten suchte, um meine Anwesenheit zu rechtfertigen, meinte er: „Wenn du willst, kann ich dir helfen.“ Im Kinderkulturzentrum endeten die Sitzungen mit Markus sehr häufig schlecht: Bücher flogen durch das Zimmer und Beschimpfungen wurden ausgestossen. Dreissig Jahre später kam seine Mutter wieder darauf zurück und erzählte mir vertrauensvoll: „Markus schlief abends nicht ein, ohne mir vorher von den Projekten erzählt zu haben, die er für das Kinderkulturzentrum geplant hatte.“ Diese vertrauliche Mitteilung war eine grosse Überraschung für mich. Das war nicht der Markus aus meinen Erinnerungen… Frau Balmer fuhr fort: „Ich denke ständig an meine beiden Söhne; sie sind so jung gestorben. Die Gewalt der Strasse hat sie fortgerissen. Mein Mann hat sie geliebt, aber er selber hatte nie so etwas wie ein Familienleben gekannt. In den Institutionen, in denen er seine Kindheit und seine Jugend verbracht hatte, haben sie ihnen das nicht beigebracht. Jetzt habe ich Krebs. Schon bald wird man mich ins Gemeinschaftsgrab legen; – langes Schweigen – wie kann ich vor Gott treten, ich konnte meinen Kindern kein Leben bieten.“

Die Schweiz geniesst den Ruf, eine Demokratie zu sein, an der jeder teilnehmen kann. In ihrer Verfassung bestätigt sie, dass „die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen“. Wie in anderen Ländern dieser Welt werden auch wir in der Schweiz von Frauen und Männern, deren Existenz seit Generationen von allen möglichen Krisen bedroht wird, daran erinnert, dass ohne ihre Erfahrungen, ihren Mut und ihr Wissen keine Demokratie und keine Entwicklung möglich ist.

Wir leben in einer Zeit, in der die ungleiche Verteilung von Geld und Gütern uns alle „verzehrt“. Lasst uns handeln, auf dass in der Verfassung jedes Landes geschrieben stehe: Im Angesicht der grossen Herausforderungen unserer Zeit ist es eine „heilige Pflicht“, sich mit vereinten Kräften für etwas einzusetzen.

Eugen Brand

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